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Ivermectin: Ein Wundermittel gegen Krebs? Aktuelle Infos und wie ich das sehe.

Ich spreche ein heikles Thema an, das gerade stark emotional und politisch aufgeladen ist. Lass uns das sauber trennen: Was gibt es wirklich an Daten? Was kann ich empfehlen?

Dieser Beitrag wurde zuerst auf Substack veröffentlicht.

1. Was aktuell zu Ivermectin & Krebs vorliegt

Kurzfassung:
Es gibt viele Labor‑ und Tierstudien, einige Fallberichte, kleine Kohorten und erste frühe klinische Studien.
Es gibt keine grossen, randomisierten Studien, die zeigen, dass Ivermectin Krebs beim Menschen zuverlässig behandelt oder heilt. Es ist nicht als Krebsmedikament zugelassen.

2. Die Studie von Nicolas Hulscher & Co (Anticancer Research 2026)

Es gibt tatsächlich eine aktuelle, viel zitierte Arbeit:

  • Design: Prospektive, beobachtende Kohortenstudie mit 197 Krebspatient:innen, die über eine Telemedizin‑Plattform Ivermectin + Mebendazol off‑label erhielten.
  • Ergebnis (selbstberichtete Daten nach 6 Monaten):
    • 84,4 % „Clinical Benefit Ratio“ (Regression, kein Tumornachweis oder stabile Erkrankung)
    • 48,4 % berichteten Tumorrückgang oder „no evidence of disease“
    • Nebenwirkungen überwiegend mild, v.a. gastrointestinal.

Wichtige Einschränkungen:

  • Keine Kontrollgruppe, keine Randomisierung
  • Selbstberichtete Outcomes, keine systematische Bildgebung / unabhängige Verifikation
  • Viele Patient:innen hatten parallel Chemo, Bestrahlung, Operation, Ernährungstherapie etc.
  • Die Zeitschrift hat eine „Expression of Concern“ zu dem Artikel veröffentlicht – ein Warnhinweis, dass es offene Fragen zur Studie gibt.

Die Autoren selbst schreiben, dass die Ergebnisse hypothesengenerierend sind und randomisierte Studien nötig sind – also: Signal, aber kein Beweis.

3. Was die Gesamtforschung zu Ivermectin & Krebs sagt

Labor- und Tierdaten

  • In Zellkulturen und Tiermodellen kann Ivermectin Krebszellen töten, Signalwege wie Wnt/β‑CateninAkt/mTOR und PAK1 beeinflussen und Tumorwachstum bremsen.
  • In Mäusen wurde z.B. bei Brustkrebs das Tumorvolumen um bis zu ~60 % reduziert; Kombinationen mit Standardchemo (z.B. Gemcitabin) zeigten verstärkte Effekte.

Problem: Die Konzentrationen, die im Labor nötig sind, sind möglicherweise nicht sicher im Menschen erreichbar.

Frühe Human-Daten

  • Es laufen Phase‑I/II‑Studien, z.B. Ivermectin kombiniert mit Immuncheckpoint‑Inhibitoren bei metastasiertem triple‑negativem Brustkrebs. Bisher: Sicherheitsdaten, aber noch keine belastbaren Wirksamkeitsnachweise.
  • Reviews (z.B. „Ivermectin in Cancer Treatment: Should Healthcare Providers Caution or Explore Its Therapeutic Potential?“) betonen:
    • Interessante Mechanismen,
    • aber wenig klinische Daten,
    • und empfehlen eher vorsichtige Exploration in Studien, nicht breiten Off‑Label‑Einsatz.

4. Die auf X erwähnten „106 Studien“ – was steckt dahinter?

Diese Zahl bezieht sich sehr wahrscheinlich auf eine Summe aller Publikationen zu Ivermectin im Krebs-Kontext:

  • Preclinical (Zellkultur, Tiermodelle)
  • Reviews und Übersichtsarbeiten
  • Einzelfallberichte, kleine Kohorten, frühe Studien

Solche Zahlen werden oft in Marketing‑Texten oder Social‑Media‑Posts verwendet, um „Masse“ zu signalisieren – sie sagen aber nichts über die Qualität oder klinische Relevanz.
Entscheidend ist: Es gibt keine grossen, kontrollierten Studien, die eine klare, reproduzierbare Überlebensverbesserung zeigen.

5. Rolle von Ärzten wie Makis, Hulscher & Co

  • Ärzt:innen wie Nicolas Hulscher, Peter McCullough, William Makis u.a. vertreten eine repurposing‑freundliche, oft systemkritische Linie: günstige, bekannte Medikamente gegen Krebs und andere Erkrankungen.
  • Sie berufen sich auf:
    • die oben genannte Kohortenstudie,
    • Labor‑Daten,
    • eigene klinische Erfahrungen / Fallberichte.

Das ist nicht automatisch unseriös, aber es ist ausserhalb der etablierten medizinischen Leitlinien, die jedoch auch nicht unbedingt gut sind, wie wir alle wissen. Grosse Fachgesellschaften und Onkologie‑Zentren sehen Ivermectin derzeit nicht als Standardtherapie, sondern maximal als Forschungsobjekt. Warum lasse ich einmal offen.

6. Was heisst das praktisch für Krebsbetroffene?

Wichtige Punkte:

  • Ivermectin ist aktuell kein zugelassenes Krebsmedikament.
  • Off‑Label‑Einsatz kann:
    • Hoffnung geben,
    • aber auch Zeit kosten, in der bewährte Therapien optimiert werden könnten.
  • Wenn jemand Ivermectin erwägt:
    • Nur in enger Absprache mit einer onkologisch erfahrenen Ärztin / einem Arzt.
    • Idealerweise im Rahmen einer Studie, wo Dosis, Sicherheit und Wirkung sauber dokumentiert werden.
    • Keine Selbstmedikation, keine Tierpräparate, keine Internet‑Pillen ohne klare Herkunft.

Meine Sicht: Warum Wundermittel bei Krebs so verlockend sind – und warum ich andere Wege gehe

In den letzten Monaten bekomme ich immer häufiger Fragen zu Ivermectin, Mebendazol, Fenbendazol und anderen „Repurposing‑Medikamenten“, die auf Social Media als neue Hoffnung bei Krebs gehandelt werden.
Viele Menschen schicken mir Links, Videos, Fallberichte.
„Was hältst du davon?“
„Sollte man das nehmen?“
„Da gibt es doch über 100 Studien…?“

Ich verstehe diese Fragen.
Ich verstehe die Hoffnung dahinter.
Und ich verstehe die Verzweiflung, die entsteht, wenn man das Gefühl hat, dass die eigene Therapie nicht reicht oder der Körper nicht mehr mitmacht.

Aber ich gehe einen anderen Weg.

Warum solche Mittel so attraktiv wirken

Wenn man krank ist – besonders schwer krank – sucht man nach etwas, das:

  • Hoffnung gibt
  • Kontrolle zurückgibt
  • einfach klingt
  • sofort verfügbar ist
  • nicht so komplex ist wie der eigene Körper

Ivermectin erfüllt all das.
Es ist günstig, bekannt, hat Laborstudien, und einige Ärzte sprechen öffentlich darüber.
Das reicht, damit Menschen glauben: „Vielleicht ist das die Lösung, die mir fehlt.“

Aber Hoffnung ist kein Beweis.
Und Social Media ist kein Labor.

Was die Daten wirklich sagen

Es gibt viele Laborstudien, einige Tierstudien, kleine Fallserien und eine grosse beobachtende Kohortenstudie.
Diese zeigen:
Ivermectin kann Krebszellen im Labor beeinflussen.
Es kann Signalwege modulieren.
Es kann in Tiermodellen Tumorwachstum bremsen.

Aber:
Labor ist nicht Mensch.
Maus ist nicht Mensch.
Und eine beobachtende Studie ist kein Beweis.

Es gibt keine grossen, kontrollierten klinischen Studien, die zeigen, dass Ivermectin Krebs zuverlässig behandelt oder heilt.

Das heisst nicht, dass es nutzlos ist.
Es heisst nur: Wir wissen es nicht.

Warum ich mich dazu bisher nicht geäussert habe

Weil ich nicht mit Hoffnungen spiele.
Weil ich nicht mit Ängsten arbeite.
Weil ich nicht mit „vielleicht“ und „man hört“ und „auf X sagen viele“ arbeite.

Ich arbeite mit Ursachen.
Mit Systemlogik.
Mit dem, was den Körper über Jahre in eine Richtung drückt – und was ihn wieder herausführen kann.

Ich sehe den Körper nicht als etwas, das man mit einem einzelnen Stoff „überlisten“ kann.
Ich sehe ihn als System, das reagiert, schützt, kompensiert, überfordert, erschöpft.

Ein Medikament kann ein Teil sein.
Aber es ist nie die ganze Geschichte.

Was ich meinen Klientinnen sage

Wenn jemand mich fragt, ob er Ivermectin nehmen soll, sage ich:

Der Körper ist kein Schachbrett.
Er ist ein Ökosystem.

Und ein Ökosystem verändert man nicht durch einen einzelnen Stoff, sondern durch das Verständnis seiner Muster:

  • Warum schützt der Körper statt zu funktionieren?
  • Warum ist das System überlastet?
  • Warum ist die Regulation blockiert?
  • Warum brennt der Körper seit Jahren?
  • Warum ist die Energie nicht mehr verfügbar?

Das sind die Fragen, die ich stelle.
Nicht: „Welches Mittel könnte das alles ersetzen?“

Was ich zu Ivermectin konkret sage

Ich sage nicht: „Nimm es.“
Ich sage nicht: „Nimm es nicht.“

Ich sage:
Wenn du es erwägst, dann nur begleitet, nur sicher, nur mit einem Arzt – und nicht als Ersatz für das Verständnis deines Körpers.

Denn kein Stoff der Welt kann die Muster lösen, die dich seit Jahren begleiten.

Warum ich andere Wege gehe

Weil ich täglich sehe, dass Menschen nicht an einem Mangel an Medikamenten leiden, sondern an einem Mangel an Verständnis:

  • Verständnis für ihren Körper
  • Verständnis für ihre Muster
  • Verständnis für ihre Belastungen
  • Verständnis für ihre Grenzen
  • Verständnis für ihre Regulation

Ich arbeite nicht mit „Wundermitteln“.
Ich arbeite mit Zusammenhängen.

Und Zusammenhänge sind das Einzige, was langfristig trägt.

Was du aus diesem Text mitnehmen kannst

Wenn du über Ivermectin nachdenkst, dann nimm Folgendes mit:

Es ist okay, Hoffnung zu haben.
Es ist okay, nach Wegen zu suchen.
Es ist okay, Fragen zu stellen.

Aber der wichtigste Weg ist immer der gleiche:
Verstehen, was dein Körper tut – und warum.

Denn Heilung ist kein Stoff.
Heilung ist ein Prozess.